|
Genua-News: 30.7.2001
Eine kleine Zusammenstellung von einigen Nachrichten zu Genua, die bei indymedia erschienen sind.
"Kriminelle" Garderobe
10 Leute aus Deutschland wurden bei ihrer Abreise aus Genua unter Schlägen am vergangenem Sonntag festgenommen. Sie sitzen seit dem in den Knästen von Genua und fürchten um hohe Haftstrafen, weil ihnen die Mitgliedschaft im Black bloc unterstellt wird.
Auch Tage nach den eskalierten Protesten in Genua wurden zahlreiche GlobalisierungskritikerInnen verhaftet. Unter anderem am Sontag dem 22.Juli zehn Menschen aus Deutschland, die bei ihrer Abreise aus Genua von der Polizei unter Schlägen festgenommen wurden. Die zwei Wohnbusse, mit denen die sieben Frauen und drei Männer reisten, wurden durchsucht.
Die dabei gefundenen Hämmer, Fahrradketten und Messer, die zur üblichen Ausstattung eines solchen Wohnbusses dazugehören, sowie die laut Polizei die Anzahl der Personen übersteigende Stückzahl schwarzer Kleidungsstücke, reichten zur Anahme aus, dass es sich bei den Festgenommenen um Teile des "Schwarzen Blocks" handele. Dieser wird in Italien mittlerweile wie eine kriminelle Vereinigung geahndet.
Die Gefangenen wurden in die Gefängnisse von Marassi und Pontedecimo gebracht. Dort erwartete sie am Mittwoch und Donnerstag der Haftprüfungstermin. Ein angeblich in den Bussen gefundenes Foto, das Randaleszenen in Genua abbildet, wurde als ein weiterer Beweis für ihre Teilnahme an den Krawallen angelastet.
Die Haftdauer der zehn Festgenommenen wurde verlängert, da laut Justiz auf Grund fehlender territorialer Bindungen an Italien Fluchtgefahr bestehe. Hierbei hält sich die Justiz an überholte europäische rechtliche Vorgaben. Das Schengener Abkommen sieht vor, dass die Beschuldigten auch in Deutschland auf ihren Prozess warten könnten.
Desweiteren werden den Betroffenen Wiederholungsabsichten unterstellt. Anhand der gefundenen Objekte meint die italienische Justiz, die "Kriminelle Identität" der Beschuldigten erkennen zu können. Es scheint, als trage im Land der "Haute-Couture" der Besitz mehrerer schwarzer Kleidungsstücke ein kriminelles Vorzeichen.
Der nächste Haftprüfungstermin wurde auf den 8.7. festgelegt, obwohl die Inhaftierten Widerspruch gegen die Anklage einlegten und schon in den kommenden Tagen den Haftrichtern hätten vorgeführt werden müssen.Dieser Termin stellt sich als äußerst wichtitg dar, da dort entschieden werden soll, ob die zehn Gefangenen in Deutschland auf ihren Prozess warten können, oder ob sie bis zu einem Jahr in italienischer Untersuchungshaft bleiben müssen.
Inzwischen haben sich FreundInnen und Angehörige der Betroffenen eingeschaltet und versuchen eine breite Solidarität und politischen Druck über Parteienabgeordnete auszuüben. Nicht nur der Grünen-Politiker und Anwalt Ströbele hat bereits mit seinem Besuch bei den Inhaftierten konkrete Schritte geleistet. Die Bundestagsabgeordnete der PDS Heidi Lippmann wird am komenden Dienstag mit einer Delegation und in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat in Mailand nach Genua reisen, um einen Besuch bei den Inhaftierten zu erzwingen. Das Ziel ist, alle Gefangenen schnellst möglich aus den Knästen herauszuholen und längerfristige Untersuchungskomissionen über das faschistoide Verhalten der italienischen Polizei einzuberufen und durchzusetzen. Einige der Angehörigen werden ebenfalls in den kommenden Tagen nach Genua reisen, um vor Ort ihre Solidarität zu äußern, sowie die Bertoffenen zum Teil in Begleitung der PolitikerInnen zu besuchen.
indymedia.de 30.7.2001 - 18:52 Uhr
Info zu Genua-Gefangenen
Die Gefangenen dürfen jetzt besucht werden!
Von: Soli-AG, Grenzcamp 01
Wir haben eben vom EA in Mailand erfahren, daß es jetzt möglich ist unsere FreundInnen, die immernoch in Italien im Knast sitzen, zu besuchen. Falls Ihr hinfahren wollt, kontaktet aber auf jeden Fall nochmal vorher den EA in Mailand (Tel: 0039/ 02 67 05 185)! Auch persönliche Faxe/Nachrichten/etc. werden vom EA Mailand weitergeleitet (Faxnr.: 0039/02 67 05 621).
indymedia.de 30.7.2001 - 17:36 Uhr
Soli-Erklärung/Fax-Aktion Genua
Im Rahmen des 4. antirassistischen Grenzcamps in Frankfurt/Main haben wir eine Soli-Erklärung für die gefangenen AktivistInnen in Italien geschrieben. Wir bitten um weiter Verbreitung und vor allem darum, daß Ihr das alles entweder an den EA in Mailand oder an die verschiedenen Konsulate (Fax-nr. stehen mit drauf) faxt!
Von: soli-AG, grenzcamp 2001
An den EA in Mailand zu Weiterleitung an die verantwortlichen italienischen Behörden Faxnr.: 0039/026705621
Oder direkt ans italienische Konsulat in Stuttgart unter Faxnr.: 0711/2563136
Oder ans deutsche Konsulat in Mailand unter Faxnr.: 0039/026554213
Solidarität mit den gefangenen AktivistInnen in Italien!
Nachdem die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua schon über eine Woche vorbei sind, sitzen immer noch 52 DemonstrantInnen in italienischen Gefängnissen. Unter den 22 Deutschen befinden sich eine Gruppe von acht Leuten, die am Sonntag (22.7.) (bereits auf dem Rückweg) weit außerhalb von Genua in eine Straßenkontrolle gerieten und festgenommen wurden. Ähnlich erging es einer Theaterkarawane aus Österreich. Die No-border-No-nation-Karawane befand sich auf dem Weg zum antirassistischen Grenzcamp in Frankfurt. Aufgrund ihrer Theaterrequisiten (Uniformen, Helme,...) wurden sie festgenommen und werden nun beschuldigt AnführerInnen des "Schwarzen Blocks" zu sein. Bei anderen reichten zu dieser Unterstellung bereits bei ihnen gefundene schwarze Kleidungsstücke, Zeltstangen und ein Brotmesser. Zwei Personen aus Oberhausen wurden Montag (23.7.) in einem explizit gewaltfreien Camp mit fünf anderen Deutschen festgenommen. Zu dieser Zeit wurde im Großraum Genua in Pizzerien, auf Campingplätzen, in den Straßen eine regelrechte Hatz auf ausländische Personen als vermeintliche DemonstrantInnen gemacht.
Nachdem die Polizei mittlerweile einräumt, mit der brutalen Räumung der Schule Diaz einen Fehler begangen und 70 Leute unrechtmäßig festgenommen zu haben, werden die übrigen 2 Gefangenen nun als die "wahren GewalttäterInnen" gehandelt. Sie müssen als Rechtfertigung für die Polizeigewalt während des G8-Gipfels herhalten. Statt sie, wie die in der Schule Festgenommen nach der ersten Haftprüfung freizulassen, werden sie wegen angeblicher Fluchtgefahr mit folgenden Vorwürfen weiter festgehalten: Sachbeschädigung, Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Bildung einer kriminellen Vereinigung, Mitgliedschaft im "Schwarzen Block" und ähnliches. Für alle Vorwürfe gibt es keinerlei wirkliche Beweise. Es wird versucht sie in der Öffentlichkeit als TerroristInnen darzustellen. Ihnen werden bis zu acht Jahren Haft angedroht.
Bereits Freigelassene berichten über heftige Misshandlungen und Demütigungen in den Gefängnissen. So wurden Menschen mit Gewalt zum Unterschreiben von Geständnissen gezwungen. Alle solchen Berichte machen deutlich, wie wichtig es ist, die Freilassung so bald wie möglich zu erreichen. Schon ab Dienstag sollen zweite Haftprüfungstermine stattfinden. Falls sie dabei nicht freikommen, droht ihnen ein halbes Jahr Untersuchungshaft.
Ich/Wir erkläre/n uns solidarisch mit den Inhaftierten von Genua und fordern/e deren sofortige Freilassung!
Ihre Festnahmen waren willkürlich, die Vorwürfe sind unhaltbar!
Alle Anschuldigungen gegen sie müssen sofort fallen gelassen werden!
Spendenkonto: Rote Hilfe e.V. Ktonr: 191100462, BLZ: 44010046 Postbank Dortmund, Stichwort: Genua-Gefangene
indymedia.de 30.7.2001 - 17:25 Uhr
Nürnberg: CSU-Parteitag mit Berlusconi
Am 12. und 13. Oktober 2001 soll auf dem Messegelände Nürnberg ein CSU-Parteitag stattfinden. Als Gast(!) wird u.a. Silvio Berlusconi erwartet!!! Angesichts der Polizeibrutalität und des Mordes an Carlo Guiliani während des G8-Treffens in Genua sowie des sich daran anschließenden demonstrativen Schulterschlusses zwischen den Regierungen Italiens und Bayerns eine Gelegenheit, gegen die sich globalisierenden Rechten um Berlusconi, Haider, Stoiber und Beckstein etc. sowie gegen faschistoide Polizeistrukturen zu Felde zu ziehen!!!!
indymedia.de 30.7.2001 - 16:56 Uhr
Solikonto BRD für die Inhaftierten in Genua
Solidaritätskonto BRD für die Inhaftierten in Genua. Nach wie vor sitzen unsere FreundInnen in den Knästen Genuas.
Wir brauchen von Euch dringend finanzielle Unterstützung für AnwältInnen, ÜbersetzerInnen, Geld für Kleidung und Essen für die Gefangenen etc.
Kontonummer:885 367 - 435
Postbank Essen
Bankleitzahl: 360 100 43
Empfänger: A. Wolf
Stichwort: "Genua"
Kontakt: Solibüro Oberhausen
c/o Druckluft Oberhausen
Am Förderturm 27
46049 Oberhausen
Tel: 0208- 23037
Fax: 0208- 855965
Solidarität ist unsere Waffe
indymedia.de 30.7.2001 - 16:33 Uhr
Nicht wieder einschlafen!!!
Nach ersten Protesten wird es wieder flau. Kein vergessen, kein vergeben den Mördern des G8 Gipfels keine ruhe lassen.
Nach den ersten Protesten gegen den Mord an Carlo und für die Freilassung der Gefangenen in Genua und Göteborg wird es wieder ruhig. Muß erst ein Mensch vor euerer Tür sterben bevor alle auf die Straßen, Barrikaden, Botschaften, Konsulate oder Partei-Medienzentralen stürmen? Wie lange dauert es bis der tot von Carlo in Vergessenheit gerät. Erinnert euch an den Mord an Conny aus Göttingen, da gab es auch massiven Protest.
Laßt sie nicht damit durch kommen - geht täglich gegen an!
Solidarität mit allen Gefangenen aus Genua, Göteborg, Prag usw.
Raus aus der Ohnmacht und rauf auf die Straße - Trauer und Wut in Widerstand umwandeln!
indymedia.de 30.7.2001 - 14:45 Uhr
GENUA-SCHULE A. DIAZ: Gegenstände der Opfer
Betroffene aus der Diaz-Schule können Listen ihrer fehlenden/beschlagnahmten Sachen ans dt. Konsulat faxen/mailen.
Von: Rote Hilfe e.V./Ermittlungsausschuss München
Betroffene aus der Diaz-Schule können Listen ihrer fehlenden/beschlagnahmten Sachen ans dt. Konsulat faxen/mailen. Ob das was hilft ist unklar, und die Risiken muss sich jeder selber überlegen.
Fax-Nummer Konsulat Milano: 0039-02-655 42 13
eMail: consgermmilano@libero.it
Dies nur als Info für diejenigen, die diese Möglichkeit in betracht ziehen.
Ansonsten verbreitet bitte alle das bundesweite Spendenkonto weiter!!!!
Rote Hilfe e.V.
Konto-Nr 19 11 00 462
Postbank Dortmund
BLZ 440 100 46
STICHWORT: GENUA-GEFANGENE!
Solidarische Grüße, RH München
indymedia.de 30.7.2001 - 12:50 Uhr
Theater als terroristische Vereinigung angeklagt!
Das international besetzte Theater-Ensemble PublixTheatre ist im Zusammenhang mit dem Aufstand in Genua als kriminelle Vereinigung angeklagt. Das Theater stellt damit gut die Haelfte der momentan 49 Gefangenen. Die 25 Schauspieler tourten als aktionistische Performance-Karawane im Rahmen der No-Border-Kampagne durch Europa. Die Endstation, das Grenzcamp am Frankfurter Flughafen erreichten sie nicht. Stattdessen sitzen sie in den norditalienischen Haftanstalten Alessandria und Voghera. Ihre Haft wurde am Donnerstag vom Untersuchungsrichter um weitere 14 Tage verlaengert. Ihnen drohen Haftstrafen bis zu acht Jahren. Hauptbeweise sind ihre Theaterrequisiten sowie Fotos ihrer Theatervorfuehrungen.
Nahe Genua, an der Kuestenstrasse Richtung Sueden, hat sich in einer Kehre ein Lokal eingenistet, das sich nach dem Kilometerstein benennt: KM 501. Am Sonntag Nachmittag gibt es dort nichts zu essen. Die Publix Theatre-Karawane hat umsonst Halt gemacht. Mit ihrem riesigen Tourbus, einem ausgeschlachteten Stadtbus aus den 80er Jahren, sind sie vorgefahren. Die Theatercrew sitzt zerstreut draussen unter den Baeumen und wartet auf Nachzueglerinnen. Zuvor hatte sich die Karawane geschockt aus Genua entfernt, nachdem die Horror-Berichte ueber den in der vorangegangenen Nacht veruebten Carabinieri-Uebergriff auf das Indymediacenter und die gegenueberliegende Schule wurden.
Ein weiteres Mitglied hatte besagte Nacht in Haft verbringen muessen. Er war schon am Nachmittag durch eine Gasgranate am Kopf schwer verletzt worden. Am Abend hatte die Exekutive Razzien in der Innenstadt durchgefuehrt und Verwundete verschleppt. In Haft wurde er windelweich gepruegelt und tauchte erst am naechsten Morgen voellig benommen und erschoepft im Camp Ciclamini auf.
Das Camp war die Woche ueber das Basislager des Theaters. Zusammen mit 1500 der vom italienischen Innenministerium so gefuerchteten Griechinnen campierten sie dort in einem Riesenzelt. Die Griechinnen waren allerdings schon bei Sonnenaufgang auf den Weg per Schiff in die Heimat. Einsam blieb die Karawane im Riesencamp zurueck.
Kilometer 501: Endstation
In der Kehre KM 501 taucht auf einmal ein Alfa Romeo 156 mit Carabinieri-Aufschrift auf. Ein weiterer folgt. 3 Motorraeder folgen ebenfalls und versperren die Einfahrt. Die Karawane hat wohl mit ihrem Grafitti verzierten Bus die Gastwirtinnen in Aufruhr versetzt. Werden sich sie Szenen aus dem nahen Genua, die auf RAI-TV in den vergangenen Tage uebern Schirm flimmerten, nun live vor ihrer Raststaette abspielen?
Nichts dergleichen. Die Schauspielerinnen geben oesterreichischen Reporterinnen vom Oe1-Kunstradio gelassen ein Interview. »Bis auf einen waren alle koerperlich unversehrt.« koennen sich die Journalistinnen erinnern. Das war eine Stunde spaeter nicht mehr der Fall. Zwar loeste die Polizei ihre improvisierte Strassensperre sang- und klanglos wieder auf und verschwanden mit quietschenden Reifen. Auch die Radioleute dampften ab. Die Carabinieri scheinen aber wenig spaeter mit Verstaerkung zurueckgekehrt zu sein. Vier Tage spaeter findet der osterreichische Konsul in Mailand, Manfred Moritsch, teilweise schwer verletzte Landsleute in ihren Zellen vor.
Gelebter Neofaschismus: Wien "vertraut" Rom
17 der 25 Schauspielerinnen sind unter seiner diplomatischen Obhut. Der Rest der Truppe stammt aus den USA, Deutschland, Australien und der Slowakei. Seine Chefin in Wien, Ausenministerin Benita Ferrero Waldner (OeVP) wird in Folge saemtliche Anstrengungen vermeiden, ihren Staatsbuergerinnen zur Hilfe zu eilen. Eine diplomatische Intervention wie die ihrer europaeischen Kolleginnen ist fuer sie nicht drin. Ihre rechts-rechtsextreme Regierungskoalition zwischen der konservativen OeVP und der neo-liberal-nationalistischen FPOe findet in der Regierung von Silvio Berlusconi eine Schwester im Geiste. Die politische Achse Wien-Rom nimmt gut 60 Jahre nach dem Sturz der Faschistischen Regime in beiden Laendern wieder konkrete Formen an.
Kunst + Politik = Terror
Ueber das Publix-Theater faellt ihr nur schlechtes ein zu sagen. Die Festgenommenen seien "Autonome". "Die dürfen sich nicht wundern, dass sie von der Polizei festgenommen werden, sei es in Italien oder sonstwo!" Sie weist unermuedlich darauf hin, dass vier der Theaterleute "polizeibekannt" seien - wegen "Stoerung der oeffentlichen Ordnung" – ein Delikt, aufgrund dessen Regierungskritikerinnen im momentanen Oesterreich auffallend haeufig verurteilt werden. Sie bringt Verstaendnis und "vollstes Vertrauen" dem italienischen Rechtsstaat entgegen. Im kuenstlischen Potenzial des PublixTheatre erkennt sie vor allem ein kriminelles: "Wenn man heute mit einer Spielzeugpistole einen Banküberfall fingiert, darf man sich nicht wundern, wenn man verhaftet wird."
Living Theatre! No Border!
Die Dramaturgin Gini Mueller und einige ehemaligen Mitglieder des Wiener Schauspielhauses hatten in Kooperation mit dem Wiener Institut fuer Theaterwissenschaft das offene Theaterprojekt ins Leben zu rufen. Als globalisierungskritisches Karawane machten sie sich in diesem Sommer auf den Weg an die Ostgrenze der Festung EUropa um theateraktionistische "Anschlaege" an Grenzposten, Grenzcamps und Wirtschaftsgipfeln durchzufuehren. Das „Unsichtbaren Theaters/Living Theatre" von Augusto Boal erweckten sie dort wieder zu neuem Glanz, freut sich die Germanistin Marlene Streeruwitz.
Instrumente des Terrors
"Unsichtbares Theater"? "Living Theatre"? Fuer die oesterreichischen und italienischen Behoerden ist das blanker Terrorismus. Bei der Durchsuchung des Karawanenbusses erblickten sie in der Requisitenkammer ein Waffenlager: Kuechengeschirr, Taschenmesser, Jonglierkeulen und eine kaputte Gasmaske sind Indizien dafuehrt, dass das PublixTheatre an "Vandalismus, Störung der öffentlichen Ordnung, Plünderung" im Zuge der Proteste gegen das G8-Treffen teilgenommen hatten. Videoaufnahmen ihrer performativen Darbietungen, die die Polizei bei ihnen und im Netz gefunden hatte, untermauern die Anklage. (Video/Audio Tagebuecher)
Kern des Black Bloc?
Ferrero Waldner empoert sich ueber "Holzstaebe, an deren Enden Petroleum getraenkte Zylinder befestigt" seien. Hoert sich gemeingefaehrlich an, sind aber handeluebliche Fackeln! Besondere Aufmerksamkeit erweckten die schwarzen T-Shirts der Schauspielerinnen. Sie werden als Beweis dafuer angefuehrt, dass es sich beim der Karawane um einen organisierten Kern des so genannten Black Bloc handeln muss. Das informelle anarchistische Netzwerk wird seit dem Summer of resistence von der EU als Staatsfeind Nr.1 gehandelt. Die T-Shirts handelte ihnen nun vor allem die Anklage auf Bildung einer kriminellen Vereinigung ein. Drohung: 8 Jahre Haft. Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren in Wien kann es nicht fassen. Er fragt sich, ob es der Polizei noch nie aufgefallen sei, dass schwarze Oberbekleidung "unter Theaterschaffenden ein beliebtes Markenzeichen" sein.
Regierung im Jagd-Fieber
Die oesterreichische Regierung allerdings sieht darin vor allem staatsfeindliche Anarchistinnen herumlaufen. Schon im Vorfeld des Gipfels waren anscheinend einige Mitglieder des Theater-Ensembles aud schwarzen Listen vermerkt, die den italienischen Kollegen zugespielt wurden. Insider-Informationen zu Folge wird noch heute Nacht das Wiener Innenministerium einigen Journalistinnen die polizeilichen Akten der betreffenden Schauspielerinnen zuspielen. Schon morgen wird der beruechtigte Schergen-Journalismus des Massenblatts Neue Kronenzeitung seine Jagd beginnen koennen. Die "Krone" ist inhaltlich mit der "Bildzeitung" der 60er und 70er-Jahre vergleichbar.
Ferrero-Waldner hatte schon vorher ihre Kampagne gegen die Kuenstlerinnen gestartet. Sie zweifelt an den Berichten der Gefangenen, in ihrer Gefangenschaft gefoltert worden zu sein. Flugs datiert sie deren schwere Verletzungen, von denen ihr Vertreter in Mailand berichtet auf die Krawalle in Genua zurueck. Verstaendnis koennen die Theaterleute nicht von ihr erwarten. 250 Schilling (ca. 35 DM) liess sie ihren "Schuetzlingen" zukommen. Fuer Zahnpasta und Seife. So schmort die Theater-Karawane die naechsten zwei Wochen weiter in Haft und blickt in ungewissen Zukunft. Ein weiteres halbes Jahr Untersuchungshaft sind wahrscheinlich. Bis vor kurzen wurden noch nicht mal Verwandte an sie herangelassen.
Draussen laeuft die Diffamierungsmaschine
Waehrenddessen wird draussen mit Diffamierungen auf sie geschossen. Kuensterinnen-Kollegen wie Emmy Werner vom Wiener "Volkstheater" fuehlte sich sogar zu der Klarstellung bemuessigt, dass ihre renommierte Institution nichts mit den nun Inhaftierten zu tun habe.
Nur ihren Anwalt Andrea Sandra, den Konsul sowie eine Menschenrechtsdelegation bekamen sie bisher zu Gesicht. Rechtsvertreter Sandra ist allerdings guter Hoffnung, dass der Spuk schon bald ein Ende hat. Er verweist auf die laecherliche Beweislage. Ein unverbesserlicher Rechtsstaat-Optimist? Zumindest ist er als verlaesslicher und realistischer Jurist in Italien bekannt.
AUFRUF zur Unterstuetzung:
"WIR BRAUCHEN ca. 400.000 ATS" (ca. 60.000 DM) fuer Antwaltskosten!!! Equipment (die Karawane war mit Computern, Video- und Fotoequipment ausgestattet) Rücktransport der beschlagnahmten Fahrzeuge Telefon und Bürokosten
Kontonr: 000 786 538 43 BLZ 60.000 (PSK) Verwendungszweck: noborder
indymedia.de 30.7.2001 - 04:53 Uhr
Carlo Giuliani - Neues zu Todesumstände
Übersetzung einer veröffentlichung bei Indymedia Italy
Eine Bilderserie Zeigt wichtige Details über den Mord des Demonstranten in Genua. [...]Lupenrein die Wahrheit in einer Fotosequenz, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, die Gewissheit, dass der Feuerlöscher, den Carlo Giuliani in den Händen hielt von den Carabinier geworfen wurde.
web link: http://www.sherwood.it/sherwoodcomunicazione/carlogiuliani/ora.pdf
Wo wird er ihn gefunden haben, der Carlo Giuliani, den Feuerlöscher, der ihn das Leben kostete? Er hat ihn auf der Straße aufgelesen, nachdem dieser aus dem Inneren des Jeeps der Carabinieri geschleudert worden war. Während Polizisten im Aufstandbekämpfungsanzug die Szene beobachten, als wenn sie ein Eingreifen nicht für nötig hielten. Und dann noch diese Pistiole, zeitlich vor dieser Bedrohung mit dem Feuerlöscher gezogen... Seit einer Woche stellte man sich die gleiche Frage: wo wird er ihn aufgetan haben, der Carlo Giuliani, diesen Feuerlöscher? Angesichts der immer wieder gesehenen Bilder, die in diesen Tagen nichts anderes getan haben als uns die Bravour, die Organisation und, vor allem, die Schnelligkeit mit der der schwarze Block es schaffte, selbst Gehwege zu pulverisieren, hatten wir gedacht, er sei das Opfer irgendeiner vandalistischen Tat.
Dann, gestern früh, die Ankunft dieser Bilderreihe. Und das Blut gefriert uns in den Adern. Der Feuerlöscher war nicht auf der Straße gefunden worden, er war aus dem Carabinieri-Jeep geschleudert worden und von Carlo Giuliani wieder aufgelesen worden, der dann seinerseits versucht hat, ihn in den Jeep zurückzuwerfen. Wir wissen, wie das endete. Und man kann nicht behaupten, er sei aus dem Jeep geworfen worden, nach dem sie durch diesen sperrigen Gegenstand getroffen worden waren.
Weil, wie aus dem ersten Bild deutlich hervorgeht, neben dem fliegenden Feuerlöscher deutlich die Sohle eines Springerstiefels zu sehen ist, Sohle die vermutlich zuvor die Rückscheibe des Fahrzeugs zerschlagen hatte.
Leider ist alles klar. Leider gibt es nicht einmal einen Hauch von Tränengas, der die Bilder trüben könnte. Leider existiert eine grausige Wahrheit, mit der abgerechnet werden muss. Diese Bilder gehören zu einer Serie, die keine Zweifel hinterlässt. Die die Tatsache ausser Zweifel sein lässt, dass die Pistole bereits dann ausserhalb des Jeeps gerichtet war, als Carlo Giuliani noch dabei war, den Feuerlöscher aufzulesen. Und es gibt kein Tränengas. Also war es unmöglich zu meinen, man würde tief zielen, gerade mal um ein bißchen Krach zu machen, ausreichend um diese Jungs auf Distanz zu dem Jeep zu bringen um mit diesem auszubüchsen. Eine Bilderreihe die zeigt, wie Polizisten in Aufstandbekämpfungsanzug (im ersten Bild links) es nicht für nötig gehalten haben, einzugreifen, nicht einmal mit einer einfachen Ladung Schlagstockschläge. Eine Bilderreihe also. Sichtbar unter www.sherwood.it, die site der diese Bilder zugesandt wurden, eine der sites, die die Materialien für die Dokumentation über die Ereignisse in Genua sammelt. Die, wie wir hoffen, möglichst bald veröffentlicht wird.
Hier endet der bei Indymedia Italy gefundene Text. Übersetzung garantiert exakt.
Link zu den Bildern: http://www.sherwood.it/sherwoodcomunicazione/carlogiuliani/ora.pdf oder auch
http://www.megraphics.de/aktuell/giuliani/giuliani.html
indymedia.de 30.7.2001 - 02:29 Uhr
|