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Quelle: junge Welt - 28.4.2001

Der tiefe Bruch zwischen Müslis und Mollis

Eine kleine Geschichte der Revolutionären Mai-Demo in Berlin-Kreuzberg.

Von Peter Nowak

Die strikt antikommunistisch und sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Politik der DGB-Führung ließ in den 50er und 60er Jahren die revolutionären Wurzeln des 1. Mai in Vergessenheit geraten. Der Tag wurde eher als Wald- und Wiesenfest denn als Kampftag der Arbeiterklasse begriffen. Das änderte sich in Westberlin Anfang der 70er Jahre, als die im Zuge des Auflösungsprozesses der Studentenbewegung entstandenen kommunistischen Zirkel und Miniparteien eigene von der DGB-Führung unabhängige Maidemonstrationen organisierten. Damals demonstrierten in Kreuzberg auf verschiedenen roten Veranstaltungen bis zu zehntausend Menschen unter roten Fahnen. Ende der 70er Jahre nahm die Lust an den roten Aufmärschen wieder rapide ab. Ein Großteil ihrer Basis wandte sich anderen politischen Feldern zu. Neue soziale Bewegungen entstanden. Ihre Symbole waren eher die Anti-AKW-Sonne, das Frauen- oder das Anarchiezeichen. Dem 1. Mai schenkte man in diesen Kreisen weniger Beachtung als den Jahrestagen der geräumten Hüttendörfer in Gorleben oder an der Startbahn-West.

Anfang der 80er Jahre entwickelte sich Berlin-Kreuzberg zum Zentrum der Hausbesetzerbewegung, die allerdings ab Mitte 1984 faktisch schon nicht mehr existierte. Ein Teil der Häuser war geräumt, ein anderer Teil war legalisiert worden. In der Folge setzte innerhalb der neuen sozialen Bewegung ein Entmischungsprozeß ein, der sich nach dem 1. Mai 1987 zu einer regelrechten Spaltung entwickeln sollte. Dabei war das Verhältnis zwischen Autonomen und Alternativen Listen, wie die Grünen in Westberlin hießen, lange Zeit zwar nicht problemlos, aber ziemlich entspannt. Schließlich waren die aus den neuen sozialen Bewegungen rührenden Gemeinsamkeiten, z. B. die Distanz zur alten Arbeiterbewegung und das Insistieren auf nichthierarischen Organisationsstrukturen, beträchtlich.

Der Entmischungsprozeß setzte schleichend ein und wurde durch die Berliner Senatspolitik gefördert. Ein Großteil der studentischen Ex-Hausbesetzer hatte mehr Interesse an Hofbegrünung und einem Wintergarten im sanierten Dachgeschoß als an grundlegender Gesellschaftsveränderung. In diesen Kreisen trennte man den Müll, las die tageszeitung (taz) und wählte die Alternative Liste (AL). Ein kleinerer Teil wollte die systemüberwindenden Ziele auch in Teilbereichskämpfen wie der Nutzung der Atomenergie oder dem Kampf gegen Yuppisierung nicht aus den Augen verlieren.

Der 1. Mai 1987 markierte den tiefen Bruch zwischen Müslis und Mollis, wie die Alternativen und die Autonomen im Szenejargon hießen. Am Abend dieses Tages entwickelte sich ein Polizeiangriff auf ein von AL und Sozialistischer Einheitspartei Westberlin (SEW) organisiertes Straßenfest zu einem regelrechten Kiezaufstand. Tausende Bewohner errichteten Barrikaden und vertrieben die Polizei für einige Stunden aus dem Stadtteil. Die umliegenden Läden wurden geöffnet und die Waren kollektiv umverteilt. Von einer gezielten Steuerung der Aktionen durch linke Gruppen konnte keine Rede sein. Der bürgerliche Soziologe Matthias Manrique beschrieb das Szenario in seiner Studie »Marginalisierung und Militanz« so: »Für Stunden hält sich eine ausgelassene Feststimmung, die Sache macht Spaß, und viele fühlen das Hochgefühl, richtig zu leben. Hier ereignet sich keine dumpfe Hungerrevolte, sondern eine lustvolle und spontane Eruption, die an vergangene kollektive Erfahrungen anknüpft, sie wieder präsent macht und niemanden ausschließt: Neben randaleerprobten Szeneleuten finden 'normale' deutsche und türkische Jugendliche, ausländische Familienväter und Rentnerinnen aus kirchlichen Seniorenclubs zusammen.«

Selbst linke Aktivisten waren über die Intensität der Auseinandersetzungen erstaunt. Über die Ursachen mußte man nicht lange streiten. Kreuzberg war schon damals der soziale Problembezirk Nummer 1 in Berlin. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über und das Pro-Kopf-Einkommen weit unter dem Westberliner Durchschnitt. Während viele soziale Einrichtungen im Stadtteil nur mit viel ehrenamtlichem Engagement funktionieren, eröffnete der schon damals Regierende Bürgermeister Diepgen im Rahmen der 750-Jahr- Feier der Stadt im ICC ein rauschendes Fest, das immense Steuergelder verschlang. Die linken Gruppen waren unmittelbar vor dem 1. Mai 1987 noch einmal gesondert provoziert worden, als die Polizei in einer großangelegten Razzia das autonome Zentrum Mehringhof besetzte, um der damals bundesweit aktiven Volkszählungsboykottbewegung einen Schlag zu versetzen. Kreuzberg war auch der Stadtteil mit einer aktiven nichtdeutschen Bevölkerung, die sich politisch artikulierte.

1988 Jahr wurde erstmals die Revolutionäre Maidemonstration in Kreuzberg organisiert. Obwohl anfangs Zweifel herrschten, ob man ein spontanes Ereignis institutionalisieren kann, war die Vorbereitungsgruppe über die Resonanz selbst erstaunt. Seitdem ist die Demo zu einer bundesweit beachteten festen Größe im linken Terminkalender geworden. Sie hat den Fall der Mauer ebenso überlebt wie heftige interne Streitereien, die teilweise mit Eisenstangen und Holzknüppeln austragen wurden.

Ein Teil der linken Szene spricht mittlerweile von einen ritualisierten Event ohne nennenswerte politische Wirkung. Das böse Wort vom Pop-Event machte auch in linken Publikationen die Runde. Tatsächlich ist der Spaßfaktor bei einem Großteil der überwiegend jugendlichen Teilnehmer beträchtlich. Doch die Verbotsverfügung könnte in diesem Jahr zu einer Repolitisierung der Demo führen. Denn daß man sich Obrigkeiten widersetzt, gehört für einen Großteil der Bevölkerung in Kreuzberg noch immer zum guten Ton.

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