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Quelle: junge Welt - 23.5.2001

Unter den Augen des FBI

FBI-Informant Donald Hersing bezeugt die massive Korruption bei Philadelphias Polizei und entlastet Mumia Abu-Jamal.

Von Jürgen Heiser

Seit dem 9. Dezember 1981 ist der afroamerikanische Journalist Mumia Abu-Jamal in Haft. Er wurde 1982 wegen angeblichen Polizistenmordes zum Tode verurteilt.

Als die neuen Verteidiger von Mumia Abu-Jamal, Marlene Kamish, Fachanwältin für die Todesstrafe aus Chicago, und Eliot Lee Grossman aus Los Angeles, am 4. Mai in Philadelphia vor die Presse traten, legten sie nicht nur die Erklärung von Mumia Abu-Jamal und die Aussage des Berufskillers Arnold R. Beverly vor (jW vom 7. und 12./13. Mai), sondern auch eine eidesstattliche Erklärung des Zeugen Donald Hersing. Diese Aussage existierte seit Mai 1999, und sie sollte erst im Wege der Wiederaufnahme des Verfahrens dem zuständigen Gericht übergeben werden. Mit der neuen Verteidigungsstrategie zielen die Anwälte offenbar darauf ab, Bundesbezirksrichter William H. Yohn jetzt unter Zugzwang zu setzen und zu einer Entscheidung für eine gerichtliche Anhörung zu bewegen. Hersings Aussage untermauert die Angaben des Berufskillers Beverly, der zugibt, den Polizeibeamten Daniel Faulkner erschossen zu haben. Hersing, der im Zeitraum 1981 bis 82 als Informant und Undercover- Agent für das FBI gearbeitet hat, beschreibt präzise jene Korruption, die Beverly mit seinem Auftragsmord am 9.Dezember 1981 schützen sollte.

An dieser Aussage sind die Verweise auf Ereignisse und Personen interessant, die in Abu-Jamals Fall eine Rolle spielen. Die Prostituierte Cynthia White war die Hauptbelastungszeugin im Prozeß, die damals aussagte, sie habe gesehen, wie Abu-Jamal auf den Polizisten geschossen habe. Cynthia White arbeitete als Prostituierte in der Gegend, in der Donald Hersing als Agent eingesetzt war, und hatte mehrere Verfahren anhängig. Ihre Kollegin Veronica Jones sagte später aus, sie seien beide von der Polizei mit dem Versprechen auf Straffreiheit dazu genötigt worden, Abu- Jamal als den Täter zu nennen.

Am Ende erwähnt Donald Hersing den Polizeibeamten Alphonse Giordano. Sowohl Giordano als auch sein Vorgesetzter George Fencl werden in Terry Bissons Biographie über Abu-Jamal, die in Kürze auf deutsch erscheint, besonders erwähnt. Fencl, Leiter einer Sondereinheit, hatte Abu-Jamal schon seit seiner Zeit als junges Mitglied der Black Panther Party verfolgt. Er und Giordano waren unmittelbar nach der Schießerei in der Nacht des 9. Dezember 1981 am Tatort erschienen, was als äußerst ungewöhnlich bezeichnet wird.

In der Vorverfahrensanhörung vernahm der gegen Abu- Jamal ermittelnde Staatsanwalt McGill den Inspektor Giordano. Dieser sagte aus, er habe sich über den Schwerverletzten Abu-Jamal gebeugt und ihn gefragt, ob er verletzt sei. Er habe dessen Jacke geöffnet, ein leeres Schulterhalfter unter seinem linken Arm gesehen und ihn gefragt, wo die Waffe sei. »Er (Jamal) antwortete: 'Ich habe sie neben das Auto geworfen, nachdem ich ihn erschossen hatte.'«

Giordanos Behauptung tauchte in der Hauptverhandlung nicht auf. Einen Tag nach Abu-Jamals Verurteilung wurde bekannt, warum: Giordano war unter dem Verdacht schwerer Korruption vom Dienst suspendiert und nach seinem Geständnis, monatlich Summen von über 3 000 Dollar entgegengenommen zu haben, aus dem Polizeidienst entlassen worden. Seine frühere Aussage machte aber deutlich, mit welchem Netz von Falschaussagen Abu-Jamal zum Täter gestempelt werden sollte.

Neben diesen Details wird durch Donald Hersings Aussage vor allem eines offensichtlich: Wie in anderen Fällen, in denen unliebsame Black Panthers oder führende Mitglieder des American Indian Movement mit Falschaussagen zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden, so hat auch im Fall von Mumia Abu-Jamal das FBI in seinen Archiven alle Fakten, mit denen die wahren Täter überführt werden könnten.

Abu-Jamal hat mit seinem neuen Anwälteteam den Kampf um seine Freiheit wieder politisiert. Es geht nicht mehr nur darum, seine Unschuld zu beweisen, sondern er will jetzt den Abgrund aus Korruption und Lüge aufdecken. Die Öffentlichkeit kann diesen Schritt unterstützen, und sie darf nicht zuzulassen, daß ein mutiger Journalist beseitigt wird, weil die Verfolgung der wahren Täter einen Polizei- und Justizskandal zur Folge hätte, der das politische System der USA erschüttern würde.

(Siehe auch die folgende Eidesstattliche Erklärung)

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